Der Bundeskanzler baut die Bundesregierung um – und kassiert dafür breite Kritik aus der Opposition. Am Freitag verkündete Friedrich Merz mehrere Wechsel in seinem Kabinett: Statt Jens Spahn soll der amtierende Kanzleramtschef Thorsten Frei die Unionsfraktion führen, Frei wiederum soll von der Noch-Gesundheitsministerin Nina Warken (alle CDU) ersetzt werden. Warken arbeitete zuletzt an der Reform des Gesundheitswesens. Ihr Amt soll künftig durch Carsten Linnemann bekleidet werden, der aktuell noch CDU-Generalsekretär ist. Die Personalrochade wurde durch den Rücktritt Spahns vom Amt des Unionsfraktionschefs losgetreten. Spahn (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/plus6a61e360efccf0c0d5536900/leihmutterschaft-und-co-wie-die-union-ihren-ethischen-kompass-verliert.html) verkündete kürzlich seine Vaterschaft mithilfe einer Leihmutter in den USA. Dies führte zu heftiger Kritik aus der Union, die sich gegen eine Legalisierung der in Deutschland verbotenen Leihmutterschaft ausspricht. Merz nutzte den Moment daraufhin für einen Umbau. Noch im Mai 2025 sagte Linnemann in einem „ Phoenix (verlinkt auf https://www.youtube.com/watch?v=j12IlnrCvzk) “-Interview, dass er als Gesundheitsminister wohl nicht erfolgreich werden würde. Nun wolle er an Warkens Reformen anknüpfen und die Zahl der Krankenkassen reduzieren sowie die Sozialbeiträge senken, bekräftigte der Minister in spe in der „ Bild (verlinkt auf https://www.bild.de/politik/inland/exklusiv-bei-bild-linnemann-erklaert-warum-er-doch-gesundheit-kann-6a6476b0166bc12eb54f5953) “. „Ich weiß, dass ich mich noch tiefer werde einarbeiten müssen. Aber ich traue mir das zu“, so Linnemann. Die Personalumstellungen verkündete Merz bei einer Pressekonferenz am Freitag. Bei der Personalumstellung kündigte der Kanzler außerdem weitere Schritte an. „Es wird weitere Veränderungen geben“, sagte Merz, ohne mehr ins Detail zu gehen. Denn tatsächlich fehlte eine Personalie, die noch zuvor an die Öffentlichkeit gelangte: Der Kanzler hatte offenbar noch am Donnerstag den amtierenden Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) entlassen wollen, der sich in einer SMS bereits von Kollegen verabschiedete. Doch es kam anders: Der Wunsch-Nachfolger, der CDU-Bundestagsabgeordnete Fritz Güntzler, sagte Merz offenbar am Morgen vor der Presseerklärung ab. Schnieder bleibt also vorerst im Amt. Merz‘ Umgang mit dem Verkehrsminister brachte ihm allerdings heftige Kritik aus der eigenen Partei ein. Ex-Kanzleramtschef Peter Altmaier lobte Schnieder als Fachmann und Arbeiter. „Der Umgang mit ihm macht mich betroffen und wütend“ und werde „weder seiner Person noch seiner Leistung gerecht“, schrieb Altmaier auf X (verlinkt auf https://x.com/peteraltmaier/status/2080708019050971562) . „Vom Stil her ist es das Allerletzte“, sagte auch Gerhard Kauth, Vorsitzender von Schnieders CDU-Gemeindeverband Arzfeld, dem „ Tagesspiegel (verlinkt auf https://www.tagesspiegel.de/politik/arger-bei-der-cdu-basis-was-merz-mit-schnieder-macht-ist-skandalos-15879454.html) “. Das Vorgehen des Kanzlers sei „unverständlich“ und „skandalös“, Schnieder sei das „Bauernopfer“ des Umbaus. Der rheinland-pfälzische Landtagsabgeordnete Michael Ludwig nannte den Fall Schnieder „ein kommunikatives Desaster“. Die Stimmung an der Basis sei katastrophal. „Wir verstehen den Kanzler nicht“, so Ludwig. Aus der Opposition wird Merz indes heftig attackiert. Für die AfD ist der Umbau ein Beleg für die Regierungskrise. „Diese Ansammlung von Verlegenheitslösungen ist kein Befreiungsschlag, sondern das letzte Aufgebot eines gescheiterten Regierungschefs“, sagte AfD-Fraktionschefin Alice Weidel WELT. „Das Chaos um diese verpfuschte Kabinettsumbildung unterstreicht einmal mehr, dass dieser Kanzler und seine Regierung restlos abgewirtschaftet haben.“ Merz habe Mühe, überhaupt noch Personal für die Regierung zu finden. „Er befördert Ja-Sager und bedingungslose Gefolgsleute auf Versorgungsposten in seiner unmittelbaren Umgebung im Kanzleramt und macht andere zu Sündenböcken für sein Scheitern.“ Insbesondere die Personalie des Gesundheitsministers stößt bei der AfD-Vorsitzenden auf Kritik. Linnemann habe mit seinem „Phoenix“-Interview selbst bestätigt, in seinem neuen Amt „fehl am Platz“ zu sein. „Von ihm ist keine Korrektur der verfehlten Gesundheitsreform seiner Vorgängerin zu erwarten, die Beitragszahler und Leistungsträger mit höheren Zahlungen und Leistungskürzungen bestraft, aber nichts gegen den milliardenschweren Mittelabfluss an importierte Kostgänger unternimmt“, so Weidel zu WELT. Linnemann stehe für „radikalen Sozialstaatsabbau“, sagt die Linke Die Linke sieht in der Besetzung des Gesundheitsministeriums mit Linnemann eine „Kampfansage“. „Er steht für radikalen Sozialstaatsabbau – kopflos und um jeden Preis“, sagte Linke-Fraktionschef Sören Pellmann WELT. „Seine Fachkenntnisse sind überschaubar. Das lässt für ausstehende Reformen Schlimmes befürchten.“ Die Kurzzeit-Entlassung des Verkehrsministers ohne sicher geklärte Nachfolge sei wiederum „hochgradig unprofessionell“. Merz zeige zum wiederholten Male „Unprofessionalität“, zudem fehle ihm „das notwendige Feingefühl für seine Aufgabe“, so Pellmann weiter. „Schnieders Bilanz als Verkehrsminister fällt allerdings tatsächlich äußerst unbefriedigend aus: Anstatt eine klare Strategie zu entwickeln, wie im ganzen Land bezahlbare Mobilität sichergestellt werden kann, wurde vor allem ideenlos Mangel verwaltet.“ Pellmann erwarte auch von Schnieders etwaiger Nachfolge aus der CDU ernsthafte Verbesserungen. Sahra Wagenknecht sieht im „Fall Linnemann“ eine Beschädigung der Demokratie. „Es kann nicht sein, dass jeder Luftikus in Deutschland Minister werden kann. Jeder Bewerber im realen Leben muss vor seinem künftigen Arbeitgeber seine Kenntnisse und Fähigkeiten nachweisen, nur in der Politik gilt das wieder mal nicht“, sagte die BSW-Gründerin zu WELT. „Linnemann sollte der erste Minister sein, der vor seiner Vereidigung zurücktritt. Ansonsten zerstören die Altparteien den letzten Rest an Vertrauen in die Politik.“ Es brauche ein neues Regierungsmodell: „Echte Fachleute“ sollten mit wechselnden Mehrheiten als Minister regieren. Dabei dürfe keine Partei ausgeschlossen werden. „Das BSW steht für ‚Kompetenzkabinett statt Linnemann-Modell‘ nach den Wahlen im Osten“, sagte Wagenknecht. Die Grünen-Bundestagsfraktion wollte sich am Sonntag auf WELT-Anfrage nicht äußern. Politikredakteur Kevin Culina (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/kevin-culina/) berichtet für WELT über die Linkspartei und das Bündnis Sahra Wagenknecht.